Darf ich im Unterricht politisch sein?
Shownotes
Nach einem Webinar erreicht mich die Nachricht einer Teilnehmerin: Der fachliche Teil sei gut gewesen, politische Aussagen hätten in einer Fortbildung jedoch nichts zu suchen. Doch ist Lehre jemals völlig neutral? Schon die Auswahl unserer Fallbeispiele setzt Schwerpunkte und verrät Haltung. In dieser Folge gehe ich der Frage nach, warum Neutralität oft eine Illusion bleibt, wo echte Indoktrination beginnt und wie der Beutelsbacher Konsens aus der politischen Bildung Orientierung schenkt. Es geht um das Machtgefälle im Raum, das Aushalten von Gegenwind und die rote Linie, an der jede Neutralität enden muss: der unantastbaren Würde unserer Patient*innen. Ein Blick auf eigene Grenzen inklusive.
Danke fürs Zuhören
Michael
QUELLEN & GRUNDLAGEN Beutelsbacher Konsens, Bundeszentrale für politische Bildung Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 1 und Art. 5 WHO ICD-11, Kapitel 17: Geschlechtsinkongruenz
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Transkript anzeigen
00:00:00: Ein Hallo an euch da draußen.
00:00:03: Schön, dass ihr wieder eingeschalten habt hier zu Stimmkontor ungefiltert!
00:00:07: Hier am Mikrofon wieder der Michael.
00:00:09: Hast du was zu trinken?
00:00:10: Was zu snacken?
00:00:12: Hast es dir vielleicht bequem gemacht oder fährst du gemütlich mit dem Auto über die Landstraße?
00:00:17: Super – dann kann ich ja endlich wieder starten….
00:00:22: Ja das hat doch nicht so geklappt mit den nächsten Wochen ….
00:00:25: Der Monat September, der war ganz schön intens bei mir.
00:00:28: Ich weiß nicht, wie es bei dir ist.
00:00:29: Aber das ist für mich eine der Hauptzeiten im Jahr.
00:00:33: die ganzen Menschen kommen aus dem Urlaub zurück wollen Therapie wollen Unterricht und wollen Fortbildungen Und ja da habe ich ganz schön viel zu tun.
00:00:42: Irgendwie ist das dann auf der Strecke geblieben so mit Work-Life Balance und so und ich muss natürlich auch ein bisschen auf meine Ressourcen achten und da kann der Podcast schon mal ein bisschen in den Hintergrund treten.
00:00:55: Nun ja, ich habe aber ein ganz spannendes Thema für dich mitgebracht und zwar etwas was dieser Tage denke ich überall passiert.
00:01:05: Mir vor allem!
00:01:07: Wir beschäftigen uns heute mit der Frage darf ich im Unterricht politisch sein?
00:01:14: Zwei Tage nach einem Webinar erreichte mich eine Nachricht.
00:01:18: Sinn gemäß Stand darin dass der fachliche Teil sehr gut gewesen sei.
00:01:23: die politischen Aussagen hätten dort allerdings nichts zu suchen.
00:01:29: Die Frage hat mich mehrere Wochen beschäftigt und ich habe eine Weile gebraucht, bis sich eine Antwort formulieren konnte – auch eine, die ich begründen kann!
00:01:42: Und mit der heutigen Folge möchte ich gerne eine Antwort an Ideen geben wo dieses Thema eine Rolle spielt und die vielleicht in meinem Kurs waren, und dann auch ein bisschen irritiert waren über die Ein- oder andere Aussage.
00:01:57: Und das Ergebnis meiner Recherchen und meiner inneren Reflexionsprozesse gebe ich gleich mal raus – ja!
00:02:05: Ich darf im Unterricht politisch sein.
00:02:09: Worum es hier jetzt geht sind die Bedingungen unter denen das auch vertretbar bleibt.
00:02:15: Und zu dem Anlass….
00:02:16: Das Webinar handelte um unsichtbare Behinderung.
00:02:22: Und dort habe ich aus eigener Betroffenheit gesprochen als Mensch, der eine chronische Erkrankung hat, also mehrere chronischen Erkranken hat, der als Schwerbehindert eingestuft wurde und demnach auch aus dem eigenen Interesse zur Aufklärung gesprochen hat.
00:02:43: Ich habe dort natürlich über Unsichtbarkeit der Behinderung gesprochen als eine Maskierung, die viele Menschen umsetzen, um von der Gesellschaft weniger diskriminiert zu werden.
00:02:55: Das ist nicht nur eine persönliche Haltung gewesen sondern auch der Konsens der Wissenschaft und im Zuge dessen habe ich natürlich gewisse politische Strömungen kritisiert und hatte auch ein Folie.
00:03:12: deren Position zu Behinderung und vor allem deren Position zur Inklusion.
00:03:16: Und warum ich das kritisch sehe?
00:03:18: Ich bin da ja sehr offen, nicht nur hier im Podcast.
00:03:21: Ich bin ein sehr offener Mensch der vor allem sehr klar Stellung bezieht.
00:03:28: Demnach war es für mich in dem Webinar angemessen in diesem Rahmen.
00:03:33: Es ist jetzt nicht so wenn ihr in einen Kurs von mir kommt dass da immer eine Präsentationsfolie solche politischen Themen behandelt.
00:03:42: Ich finde halt, dass wenn wir uns um Inklusionen unterhalten und Chancengerechtigkeit unterhalten, kommen wir nicht drum hin.
00:03:50: Uns kritisch mit politischen Strömungen auseinanderzusetzen ist schwierig sind.
00:03:55: Im gleichen Webinar habe ich auch unsere derzeitige Regierung für gewisse Positionen ebenfalls scharf kritisiert.
00:04:03: So jetzt wollen wir mal ein bisschen tief reingehen, einen kleinen Deep Dive machen Hinter der Nachricht, die mir gestellt worden ist und auch vielen anderen, die an mich ran getragen wurden sind.
00:04:16: Mehr oder weniger waren die auch freundlich.
00:04:19: Es gab welche, die waren sehr unverschämt.
00:04:21: Das haben ich nach dem Webinar und auch nach meinen anderen Podcast immer wieder Menschen erreicht, die gesagt haben, du musst doch Neutralität bewahren.
00:04:28: Du musst doch irgendwie Politik aus deiner Arbeit im Gesundheitswesen rauslassen.
00:04:34: Hinter diesen Nachrichten steht die Erwartung, dass in der Fortbildungslandschaft eine lehrende Person ne neutrale Instanz zu vertreten hat.
00:04:42: Die eigene Biografie, die bleibt außerhalb des Seminarraums und vermittelt soll ausschließlich die Fachlichkeit werden.
00:04:51: Diese Erwartung lässt sich aber in der Praxis kaum einlösen.
00:04:56: Nach einer Viertelstunde in einer Fortbildung ist erkennbar wie die lehrende Person über Patientinnen denkt.
00:05:03: Ich meine allein ich habe gerade gegendert.
00:05:05: das gibt ja schon einen gewissen Punkt meines meiner Politischen Denkweise meiner, meine Standings dahinter.
00:05:15: Und das zeigt sich nicht nur daran es zeigt sich im Tonfall und auch am Auswahl der Fallbeispiele die man nutzt.
00:05:21: Wer seine Beispiele ausschließlich mit motivierten deutschsprachigen gut versorgten Patientinnen besetzt hat dann eine Aussage getroffen auch ohne ein politisches Wort zu verwenden.
00:05:32: Ich habe das in meinen eigenen Material überprüft Und muss feststellen, dass ich auch ganz oft Menschen aus der LGBTQIA Plus Community in meinen Folien präsentiere.
00:05:43: Ich versuche immer ethnisch verschiedene Gruppen dazu zu stellen und verschiedene Altersbereiche darzustellen.
00:05:49: Interessanterweise ist das eine Entwicklung die ich in den letzten Monaten gemacht habe.
00:05:54: Je mehr meine politischen Grundfesten erschüttert werden vom äußerlichen Geschehen der Welt umso mehr lege ich sehr viel Wert darauf zu zeigen, in was für eine superdiversen Gesellschaft wir existieren.
00:06:10: Und da bin ich auch ganz ehrlich – Ich habe ja auch so ein Wandlungsprozess durchlebt.
00:06:14: Früher hab' ich immer nur von den gleichen Patientinnen gesprochen.
00:06:17: jetzt versuche ich immer verschiedene Geschlechteralterstufen und auch soziale Wirklichkeiten zu repräsentieren.
00:06:25: Wer sich für unpolitisch hält vertritt an der Regel eine Position die gerade als selbstverständlich geht und deshalb unsichtbar bleibt.
00:06:32: Hinzu kommt bei mir, dass ich über einen Gegenstand spreche, den ich selbst lebe.
00:06:37: Eine Schilderung darüber wie es ist wenn eine Behinderung abgesprochen wird, wenn Barrieren gebaut werden weil sie äußerlich nicht erkennbar ist bezieht sich auf meinen eigenen Alltag und somit war ich natürlich auch betroffen.
00:06:50: Und deswegen lautet die Frage so mit weniger ob ich eine Position einnehme Sie lautet in welcher Form das geschieht?
00:06:57: und Welchen Nutzen die Teilnehmenden davon haben.
00:07:01: Um da ein bisschen klarer darüber zu sprechen, habe ich jetzt einen Punkt mitgebracht, den ich in meiner Recherche gefunden habe.
00:07:08: Und zwar der Beutelsbacher Konsens, weil ich kenn zudem die Antwort auf die Frage stammt aus der politischen Bildung.
00:07:15: Neunzeugssechsen-Siebzig fand in Beutelbach eine Tagungsstadt bei der genau dieser Konflikt verhandelt wurde.
00:07:22: Die Ausgangslage war vergleichbar mit der heutigen.
00:07:26: Die unterschiedlichen Lager warfen einander wechselseitig Indoktrination vor.
00:07:31: Das Ergebnis der Tagung umfasst drei Grundsätze und wird bis heute als Beutelsbacher Konsens in der Lehrkräfteausbildung vermittelt.
00:07:39: Der erste Grundsatz ist das Überwältigungsverbot.
00:07:42: Lernende dürfen nicht überrumpelt werden, um ihnen eine Meinung überzustülpen – und sie damit an der Bildung eines eigenen Urteils zu hindern!
00:07:52: An dieser Stelle verläuft die Grenze zur Indoktrination.
00:07:55: Der Prüfmaßstab ist konkret.
00:07:57: Kann die lernende Person im Anschluss frei entscheiden?
00:08:00: Der zweite Grundsatz ist das Kontroversitätsgebot.
00:08:04: Was in der Wissenschaft und Gesellschaft kontrovers diskutiert wird, muss auch im Unserrichtkontrovers erscheinen.
00:08:10: Daraus folgt eine Verpflichtung die Gegenposition darzustellen – und zwar in ihrer stärksten Fassung.
00:08:16: Diese Aufforderungen halte ich für die schwierigste.
00:08:19: Die Versuchung einer abgelehnte Position verkürzt dazustellen und anschließend zu widerlegen, das erheblich!
00:08:26: Eine solche Darstellung verfehlt allerdings genau die teilnehmenden die diese Position tatsächlich vertreten, und das sind diejenigen, die man erreichen möchte.
00:08:35: Der dritte Grundsatz wird seltener zitiert und ist für die therapeutische Fortbildung der Aufschlussreichste – Lernende sollen in die Lage versetzt werden ihre eigenen Interessen-Lagen zu annulisieren.
00:08:47: Das Ziel besteht also darin des Teilnehmenden ihrer eigene Position erkennen und begründen können auch wenn sie dabei zu einem anderen Ergebnis kommen als die lehrende Person.
00:08:56: Ambiguität eben.
00:08:59: Der Konsens erteilt damit eine Erlaubnis und formuliert zugleich eine Pflicht.
00:09:03: Die eigene Position darf benannt werden, und im selben Zug ist dafür zu sorgen das Widerspruch im Raum möglich bleibt – auch geäußert wird.
00:09:14: Aus diesen Grundsätzen hat sich bei mir eine feste Gewohnheit entwickelt.
00:09:17: Ich kennzeichne auf welcher Ebene eine Aussage liegt.
00:09:21: Bei einer fachlichen Aussage nenne ich Quellen, also die Studienlage den Leitlinienstand, die Klassifikationen.
00:09:28: Bei einer Erfahrungsaussage kennzeichne ich sie als meine eigene.
00:09:32: Sie gilt für mich und erlaubt wenig Verallgemeinerung.
00:09:37: Bei meiner Meinungsäußerung benenne ich das als solche, und liefere dann auch meine persönliche Meinung mit Begründungen mit.
00:09:44: Das muss sich aber selbst immer differenzieren was meine Meinung ist, die Erfahrung und was statistisch ausgewertet wurde oder was in einem Untersuchungsverfahren gemessen werden
00:09:56: konnte.".
00:09:57: Der Aufwand beträgt wenige Sekunden.
00:10:00: Der Vorwurf einer Dozentin oder ein Dozentmissioniere entsteht fast ausschließlich dort, wo diese Ebenen ineinander laufen.
00:10:06: Soweit eine Meinung im Duktus gesicherte Evidenz vorgetragen wird, entsteht eine Ungewucht – die aufmerksame Teilnehmende bei Marken.
00:10:15: Das Misstrauen überträgt sich anschließend auch auf den fachlichen Teil.
00:10:19: Umgekehrt lässt sich eine deutliche Position vertreten, solange die Ebene markiert bleibt.
00:10:25: Für Meinungen, die ich ausdrücklich als Meinung kennzeichnet habe ist mir noch keine Beschwerde in dieser Form begegnet.
00:10:33: Wobei man sagen muss, ich hab natürlich immer mal wieder auch mit Menschen zu tun, die unterschiedliche Lebenswirklichkeiten besitzen.
00:10:44: Was ich eher erlebe ist das wenn ich fachliche Dinge sage, die gegen die Meinungen von Menschen gehen dann bekomme doch eher schon gegenwind.
00:10:52: Das ist auch immer sehr interessant, wenn ich beispielsweise einen Vortrag über MEZFS und Long Covid halte dann ist es ganz wenig ein fachlicher Diskurs sondern ja meine Fachlichkeit grätscht in die Meinung einer Person rein.
00:11:09: das sind aber unterschiedliche Ebenen.
00:11:12: Und beim Thema Meinungsfreiheit da werden halt häufig zwei Dinge vermengt.
00:11:16: Artikel fünf des Grundgesetzes schützt die Äußerung vor staatlichem Eingriff.
00:11:20: folgenlosigkeit garantiert n niemand.
00:11:22: Wer sich öffentlich äußert, erhält öffentlichen Widerspruch und dieser steht unter demselben Schutz.
00:11:27: Das heißt wenn jemand mir widerspricht dann muss ich das
00:11:30: aushalten.".
00:11:31: Und das ist voll okay!
00:11:32: Also wenn du meinen Podcast nicht magst und dass wir es gerne sagen und gerne schreiben, ist voll ok.
00:11:38: Ich kann das blöd finden, dass man den podcast nicht mag oder auch meine Aussage, meine Meinung nicht mag aber ich muss das authalten.
00:11:46: Für die Lehrsituationen wiegt allerdings etwas anderes schwerer als der Verfassungstext, nämlich die Asymetrie zwischen den Beteiligten.
00:11:54: Die lehrende Person verfügt über die Redezeit – über die Inhalte und in manchen Formaten über die Teilnahmebescheinigung.
00:12:00: Die eigene Meinungsäußerung ist für Sirisi risikulos!
00:12:04: Für eine Teilnehmerin, die widerspricht geht das nicht – zumindest nicht in ihrer Wahrnehmung.
00:12:09: Daraus folgt die Verpflichtung Widerspruch niedrig-schwellig zu halten.
00:12:13: Entscheidend dafür ist nicht die Ankündigung, dass jede Meinung willkommen sei sondern das Verhalten in den Sekunden nach dem ersten Einwand und zwar Sichtbefallanwesenden.
00:12:23: Ausreden lassen, Nachfragen ein fragweiges Argument stehen lassen auch wenn es die eigene Position schwächt und der betreffenden Person im weiteren Verlauf unverändert das Wort erteilen.
00:12:34: Es habe ich schon ganz oft erlebt.
00:12:36: gerade hab von den Kursen zu MECFS gesprochen.
00:12:41: Da hab ich immer wieder Leute dabei, die mir Sachen sagen, die einfach so nicht sind.
00:12:46: Beispielsweise hatte ich damals auch eine Kollegin, die sagte gilt denn entweder nur in der Medizin das was man wissenschaftlich nachweisen kann und habe gesagt ja für den Bereich schon Aber die Person hat trotzdem ihr Zeugnis gekriegt, hat trotzdem den Kurs bestanden und konnte trotzdem weiter machen.
00:13:03: Auch wenn sie zwischenzeitlich Sachen erzählt hat, die einfach nicht gestimmt haben und mehr Meinung hatten als alles andere.
00:13:09: Und auch wo eine Person mir gesagt hat dass sie daran glaubt das die Pharmaindustrie uns alle vergiften will und ich natürlich mit es angehört habe und dann versucht aber mit Argumenten zu kommen... Das ist sicherlich nicht stimmt.
00:13:23: Hat die Person trotzdem ihren Kurs abschließen dürfen und ich habe sie nicht in schlechte Licht gestellt oder so.
00:13:29: Das bedeutet, ich versuche mir in diesen Momenten eine Ambiguitätstoleranz zu bewahren.
00:13:36: das bedeutet eine Fähigkeit uneindeutigkeit auszuhalten.
00:13:41: Ich bin ja jetzt nicht unbedingt ein großer Anhänger der aktuellen Regierung aber die ehemalige Bundeskanzlerin hat etwas sehr schönes neulich auf einer Veranstaltung der Karitas gesagt, sie hat gesagt wir müssen uns eigentlich viel besser lernen wieder mehr auszuhalten.
00:13:58: Und zwar dass wir aushalten wenn Menschen grün wählen das wir ausleiten werden Menschen FDP und CDU wählen, dass wir aber auch aushalten dass Menschen unterschiedliche Positionen zum Leben zu Lebensthemen haben und das ist denke ich sehr wichtig.
00:14:15: in der therapeutischen Arbeit wird es ja ohnehin verlangt.
00:14:19: Befunde sind selten eindeutig.
00:14:21: Patientinnen entsprechen selten dem Lehrbuch, konkurrierte Verfahren haben häufig beide eine Berechtigung.
00:14:27: Wer diese Einleuchtigkeit in der Therapie aushält, hält auch eine Fortbildung aus, in der abweichende Positionen vertreten werden und das ist auch finde ich ganz wichtig.
00:14:38: Dazu eine Frage, wann hat dich zuletzt ein Argument umgestimmt?
00:14:43: Das ist ja wichtig im Diskurs und deswegen find' ich auch Ambiguität wichtig.
00:14:48: Kurs geht und gemeinsam schaut, was könnte ein Ziel sein.
00:14:54: Das fängt damit an dass man eine Übung vielleicht auf zwei verschiedene Artenweisen anbieten kann und es geht dann weiter das ich vielleicht mit einem Argument einer anderen Person mein Horizont erweitern kann.
00:15:07: Das ist natürlich im Diskurs etwas ganz ganz Tolles!
00:15:10: Und deswegen ganz ganz wichtig Meinung muss man aushalten.
00:15:13: natürlich hat die Güte in einer Fortbildung immer das, was sich fachlich nachvollziehen lässt.
00:15:19: Trotzdem muss ich als Dozent aushalten, wenn jemand eine andere Meinung vertritt und das auch nicht wahrhaben will, was in der Wissenschaft existiert ist gar nicht schade finden kann das vielleicht auch im Rahmen einer Prüfung mit einer schlechtere Note darstellen, wenn jetzt jemand schreiben würde dass was einfach nicht nachweislich stimmt darauf muss ich natürlich Rücksicht nehmen aber ich muss trotzdem es akzeptieren, dass es andere Meinungen gibt.
00:15:47: Ich muss das nicht tolerieren aber ich muss es auf jeden Fall akzeptierend und
00:15:51: aushalten.".
00:15:53: Was wir hier aber nicht vergessen dürfen gerade weil's ja um sowas sehr wöhnereables geht wie beispielsweise die unsichtbare Behinderung und rechte Strömung und natürlich der extreme Meinung, die hier aufeinandertreffen ist das Kontroversitätsgebot.
00:16:08: Und das bezieht sich auf was tatsächlich vollkommen strittig Fachlich geklärte Sachverhalte, die muss man auch klar darstellen.
00:16:17: Die Frage ob Geschlechtsinkongruenz als psychische Störung einzuordnen ist beantwortet der ICD-Eilf anders als die Vorgängerklassifikation.
00:16:26: Entsprechend wird er aktuelle Stand vermittelt.
00:16:29: das sage ich jetzt ganz bewusst weil wir ja vor einigen Wochen hier im Podcast eine ganz große Kontroverse hatten mit diesem Fachverband, wo es auch dann eine Stellungnahme und so weiter und sofort gab.
00:16:41: Thomas Laschet hat darüber einen Podcast gemacht Und ich habe natürlich auch darüber sehr viele Meinungen bekommen.
00:16:48: und da muss man ganz klar sagen Geschlechtsinkongruenz ist keine psychische Störung mehr und das ist ein aktueller Fakt.
00:16:59: Hinzu kommt dann Artikel eins des Grundgesetzes.
00:17:01: Die Unantastbarkeit der Würde ist die Geschäftsgrundslage therapeutischer Arbeit, ein Gesundheitssystem das Menschen auch nutzen nach Nutzen sortiert hat in diesem Land schon mal existiert.
00:17:12: es hat hunderttausende das Leben gekostet einen erheblichen Teil davon Menschen mit Behinderung und diese Frage wird in meinen Fortbildungen nicht Ergebnis offen verhandelt Und das ist mir ganz, ganz wichtig.
00:17:24: Es gibt eine Grenze der Ambiguitätstoleranz und die ist Artikel eins des Grundgesetzes – Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen.
00:17:35: Egal wer!
00:17:38: Und da ich danach gefragt wurde, formuliert es ausdrücklich Ich benenne in meinen Veranstaltungen wenn eine politische Position Menschen herab setzt.
00:17:45: Das werde ich weiterhin tun.
00:17:47: Ich halte das für erforderlich und ich stehe auch dazu Und ich finde, wer therapeutisch arbeitet ist darauf angewiesen dass die Gleichwertigkeit aller Patientinnen außer Frage steht.
00:17:58: Die Grundlage dafür ist überprüfbares Material also Programmsätze, wörtliche Zitate, parlamentarische Vorgänge – das denke ich mir dann nicht aus!
00:18:07: Über meine Bewertung lässt sich streiten.
00:18:09: Die zitierte Quelle bleibt aber bestehen.
00:18:13: und ganz wichtig Wahlempfehlung gebe ich keine.
00:18:16: Kritik richtet sich bei mir auf das Konkrete Auf die Entscheidungen aus all den Richtungen.
00:18:24: Aus der Behindertenbewegung stammt ein Satz, der mich seit Jahren begleitet.
00:18:28: Nichts über uns ohne uns.
00:18:30: Entscheidungen über die Belange von Menschen mit Behinderung gehören an einen Tisch, an dem diese Menschen sitzen.
00:18:36: Deswegen habe ich auch in dem Webinar gesagt Ich finde es super dass ich das mache weil ich hab eine Behindererung!
00:18:43: Daraus leitet sich ab warum meine eigene Betroffenheit hier wichtig war Und derselbe Satz begrenzt meine Reichweite, ich spreche für mich.
00:18:52: Eine blinde Kollegin begegnet anderen Barrieren und ihre Erfahrungen gehört ihr – auch sie muss gehört
00:18:58: werden.".
00:19:00: An dieser Stelle gehört eine Einschränkung hin die mich selbst betrifft.
00:19:04: Es gibt Situationen in denen mir die Distanz verloren geht.
00:19:07: Wird in einer Fortbildung geäußert bestimmte Patientengruppen würden Leistung zu Unrecht in Anspruch nehmen reagiere ich schärfer als ist der Situation angemessenes.
00:19:15: Bei Fragen von Zugang und Verteilung fällt Zurückhaltung schwer, weil ich zu viele Menschen kenne für die diese Hürden existenziell sind.
00:19:24: Ganz ehrlich, pädagogisch ist diese Reaktion ungeeignet.
00:19:26: das muss ich auch so annehmen.
00:19:28: Teilnehmende mit abweichender Position schweigen darauf hin damit es genau der offene Raum beschädigt, den nicht zuvor zugesichert habe und seither erlebe ich dass.
00:19:38: er hat auch einen Evolutionsbögen.
00:19:40: eine zusätzliche Zeile mit der Frage ob sich man unwohl gefühlt hat könnte man vielleicht noch mal damit reinschreiben.
00:19:47: Was ich aber erlebe ist, dass die meisten Kolleginnen schon versuchen hier da Rückmeldungen auch zu nutzen und wenn du in meinen Kursen bist nimmst mir nicht so übel.
00:19:57: Es gibt natürlich immer eine Identität, die man nicht ablegen kann Und bei aller Ambiguitätstoleranz gibt es immer auch Grenzen wo auch meine Meine Person an der derzeitigen politischen Realität aufgerieben wird.
00:20:15: So Wir sind am Ende angekommen.
00:20:18: Auf die Nachrichten Von euch, wenn ihr zuhört oder von anderen die mich nach dem Webinar erreicht haben habe ich im Wesentlichen hier etwas ausführen können.
00:20:28: Und die Rückmeldung lautet – die Sichtweise bleibt eine andere!
00:20:34: Ich glaube das Ergebnis halte ich für angemessen von dem was wir heute gehört haben.
00:20:40: Ich darf um Unterricht politisch sein und ich halte es für ein Bestandteil meiner Aufgabe.
00:20:45: Die Grenze heißt Indoktrination.
00:20:46: Sie verläuft nicht entlang der Deutlichkeit eine Aussage, sondern entlang dieser Frage ob die Teilnehmenden einen Anschluss selbst urteilen können.
00:20:53: Gegebenenfalls auch gegen mich und ehrlich gesagt das passiert sehr häufig mindestens in den Evaluationsbögen.
00:21:00: Wenn du magst kannst du mir gerne Rückmeldungen zu der Folge schreiben.
00:21:03: Du kannst gerne darüber diskutieren, du kannst es gerne auch blöd finden solange du meine Würde oder die würde anderer nicht antastest.
00:21:11: Das ist unser Grundrecht.
00:21:15: Dann wünsche ich dir jetzt auf jeden Fall noch einen schönen Tag oder eine schöne Nacht, je nachdem wann du diesen Podcast gehört hast und wir hören uns beim nächsten Mal hier bei Stimmkontor ungefiltert.
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