Wer schützt hier wen?
Shownotes
Vor ein paar Tagen ist mir in meinem eigenen beruflichen Umfeld ein öffentlicher Beitrag begegnet, unter dem über trans Menschen gesprochen wurde, wie ich es in unserem Beruf nicht für möglich gehalten hätte. Ich habe darunter kommentiert, dann habe ich weitergelesen, und dann habe ich ein paar Tage gebraucht, bis ich wusste, was ich dazu sagen will.
Diese Folge ist das Ergebnis. Es geht um die Behauptung, von trans Frauen gehe eine Gefahr für Frauen aus, und darum, was passiert, wenn man diese Behauptung ernst nimmt und überprüft. Um die Frage, wie sexualisierte Gewalt tatsächlich zustande kommt und warum Schutzkonzepte deshalb aussehen, wie sie aussehen. Um zwei Studien, die selten zitiert werden, weil ihre Ergebnisse in keine der beiden Lager passen. Um die Angst von Frauen, die real ist, und um die Institutionen, die ihre Täter jahrzehntelang gedeckt haben. Und um die Frage, was es für die Versorgung bedeutet, wenn Behandelnde eine Patient*innengruppe pauschal abwerten, während dieselbe Gruppe bei uns in der Stimmtherapie sitzt.
Namen nenne ich in dieser Folge keine. Mir geht es um die Aussagen und um das, was daraus folgt.
Danke fürs Zuhören Michael
Inhaltshinweis: Es geht in dieser Folge um sexualisierte Gewalt.
QUELLEN Hasenbush, Flores & Herman (2019), Sexuality Research and Social Policy 16, 70–83 Williams Institute, UCLA: Auswertung der U.S. Trans Survey 2022 zu körperlicher Viktimisierung WHO ICD-11, Kapitel 17: Geschlechtsinkongruenz S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit
KONTAKT & SUPPORT (MICHAEL HELBING)
Hier geht es zu meiner Website https://michaelhelbing.de
Coaching & Auftrittscoaching https://michaelhelbing.de/coaching/
Fortbildungen & Termine https://michaelhelbing.de/termine/
SOCIAL MEDIA INSTAGRAM https://www.instagram.com/stimmkontor/ LINKEDIN https://www.linkedin.com/in/michael-helbing-7a3b55b3/
PRODUKTION Daniel Salinger https://danielsalinger.de/impressum/
Diese Folge enthält keine bezahlte Werbung.
Transkript anzeigen
00:00:00: Ein Hallo an euch da draußen, herzlich willkommen hier zu Stimmkontor Ungefetert.
00:00:07: Hier am Mikrofon wie gewohnt der Michael und ich freue mich dass du eingeschalten hast.
00:00:12: Hast Du was zu trinken?
00:00:13: Hast Du etwas zu schnabulieren?
00:00:15: Mach es dir bequem!
00:00:17: Ich lege jetzt los mit einem ganz spannenden Thema.
00:00:21: Mir ist nämlich vor einigen Tagen in den sozialen Medien einen Beitrag begegnet aus meinem eigenen beruflichen Umfeld aus der Logopädie, aus dem Sektor Stimmarbeit.
00:00:36: Darunter habe ich kommentiert weil mir die Richtung nicht gefallen hat und dann hat sich daraus ein Kommentar-Chat ergeben wo andere KollegInnen noch darunter geschrieben haben ja und die Kommentarspalte hatte dann schon eine Größe erreicht aber der meine Weile scrollen muss kann man sagen was dort über Transmenschen geschrieben wurde.
00:00:59: das beschäftigt mich bis heute Und zwar ganz intensiv.
00:01:05: Ganz wichtig, heute im Podcast möchte ich keine Namen nennen.
00:01:08: Ich möchte jetzt auch keine Screenshots sharen also auch den Footnotes.
00:01:13: wirst du da dazu erstmal nichts finden?
00:01:15: mir geht es erst mal darum Aussagen die logopädischen Feld anschlussfähig geworden sind und darum was das für unsere Versorgung bedeutet mal zu beleuchten.
00:01:26: einzelne Personen stehen hier heute überhaupt nicht zur Debatte.
00:01:31: Die Aussagen, die in diesem Chat und in diesen Kommentaren getan worden sind liefen im Kern auf zwei Dinge hinaus.
00:01:39: Erstens trans Frauen seien biologische Männer und hätten in Frauenräumen nichts zu suchen.
00:01:45: Zweitens... Das ist ein Teil der mich da umtreibt!
00:01:49: Trans Frauen würden in die Nähe von sexualisierter Gewalt gerückt.
00:01:55: Über diesen zweiten Punkt will ich heute vor allem sprechen weil er sich nämlich überprüfen lässt.
00:02:02: Ganz kurz zur Einordnung.
00:02:03: Warum ich das jetzt nicht als politische Debatte behandle, an der ich mich beteiligen kann oder auch nicht?
00:02:10: Transpersonen sind in der Stimmtherapie eine reguläre Patientinnengruppe.
00:02:15: Stimmliche Transition – also die Arbeit an Sprechstimmlage, Resonanzartikulation, Prosodie, Identitätsarbeit gehört zum logopädischen Leistungsspektrum.
00:02:25: Wer in diesem Feld arbeitet, behandelt Transmenschen ... ja!
00:02:30: ob wir darüber sprechen oder nicht.
00:02:32: Natürlich kann man sich Gegenstimmerarbeit entscheiden, oder gewisse Schwerpunkte haben aber das gehört zur logopädischen Leistung zum Leistungsspektrum einfach dazu.
00:02:44: Dazu kommt auch der diagnostische Rahmen.
00:02:46: die ICD-Elf der WHO hat Transidentität aus dem Kapitel der psychischen Störung herausgenommen und führt sie unter Geschlechtsinkongruenz im Kapitel zur sexuellen Gesundheit.
00:02:58: Das ist der Stand der Klassifikation mit dem wir alle arbeiten.
00:03:02: Wenn also in einem berufsfachlichen Unfeld Aussagen fallen, die eine Patientin den Gruppepauscher abwerten, dann ist das auch ne Frage der Berufsausübung.
00:03:12: Jetzt wollen wir das mal so ein bisschen aufrollen.
00:03:14: Wir wollen jetzt nicht nur darüber sprechen dass zur Logopädie dieser Arbeit gehören kann und wenn man sich im Bereich Stimme ausbreitet das an das Begegnend wird Sorgen und Nöte, und die Argumente sprechen, die dort auch gefallen sind.
00:03:29: Und als erstes möchte ich gerne über sexualisierte Gewalt sprechen – große Triggerwarnung hier für dich!
00:03:35: Wenn das Thema dich sehr belastet, überspringen wie Folge, hör dir eine andere an.
00:03:40: Jetzt sprechen wir über sexualisiertem Gewalt und wie diese eigentlich zustande kommt….
00:03:46: Die Präventionsforschung zur sexualisierten Gewalt beschreibt seit Jahrzehnten ein sehr konsistentes Muster.
00:03:53: Übergriffe geschehen weit überwiegend im Nahfeld, in Familien-, in Vereinen-, in Schulen-, in Einrichtungen und auch in Gemeinden.
00:04:01: Täter nutzen bestehende Nähe – sie nutzen Vertrauen, sie nutzen Positionen mit Zugang und mit wenig Aufsicht.
00:04:09: Sie suchen sich Gelegenheitsstrukturen.
00:04:11: Genau deshalb sehen Schutzkonzepte so aus wie sie aussehen!
00:04:15: Vier-Augenprinzip, transparente Raumkonzepte, Beschwerdewege die auch dann funktionieren wenn die beschuldigte Person Autorität hat.
00:04:23: Verhaltenskodizys Erweitete Führungszeugnisse Kein einziges wirksames Schutzkonzept arbeitet mit einer Kontrolle von Chromosomen am Eingang weil das in der tatsächlichen Tatdynamik vorbeigeht.
00:04:37: Der Weg der in der Kommentarspalter von der ich gesprochen habe unterstellt wurde, sieht anders aus.
00:04:43: Er lautet jemand durchläuft eine Transition also Begutachtung, Hormontherapie über Jahre soziale Kosten gegebenenfalls Operation und anschließend Zugang zu einer Umkleide zu haben.
00:04:53: Das beschreibt keinen realistischen Täterweg.
00:04:58: Wer Zugang zur Schutzräume sucht und bereit ist Gewalt auszuüben Der geht einfach hinein.
00:05:03: Dafür braucht es keine Transition Und man kann das halt auch empirisch prüfen Und das ist halt auch gemacht worden.
00:05:11: Hasenbush, Flores und Hermann haben im Jahr two-to-nine-zehnt in Sexuality Research and Social Policy eine Untersuchung aus Massachusetts veröffentlicht.
00:05:20: Verglichen wurden Kommunen mit und ohne Antidiskriminierungsregelungen die den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen entlang der Geschlechtsidentität schützen.
00:05:29: Ausgewertet wurden polizeiliche Vorfallsmeldungen zu übergriffen Sexualdelikten und Vorjahrismus in Toiletten umkleiden und Sammel umkleinen.
00:05:38: Ergebnis Es gab keinen Zusammenhang zwischen solchen Regelungen und der Zahl oder Häufigkeit dieser Vorfälle.
00:05:44: Die Meldung waren insgesamt ausgesprochen
00:05:46: selten.".
00:06:09: Zum Vergleich, in der US-Gesamtbevölkerung ab zwölf Jahren lag die gewaltsame Viktimisierung im selben Jahr bei einem Prozent.
00:06:18: Wer über Gefährdung spricht muss halt die Zahlen mitsprechen lassen.
00:06:21: Sonst diskutiert man immer eine Gefahr für die es gar keine Belege gibt und übergeht eine für die ist die gibt was ganz wichtig ist.
00:06:31: Man muss halt auch über die Angst von Frauen sprechen Und die möchte ich nicht übergehen.
00:06:36: Ganz wichtig Die Angst von Frau In Umkleiden, in Saunen und Parkhäusern nachts auf dem Heimweg.
00:06:43: ist es real.
00:06:44: Es beruht auf Erfahrungen, Zahlen oder Gewaltrealität die überwiegend von Männern ausgeht.
00:06:50: Diese Angst ernst zu nehmen ist für mich die Voraussetzung davor sinnvoll überschutz zu sprechen.
00:06:56: Und dieser Frust ... kommt halt auch nicht aus dem Nichts.
00:07:00: Er kommt aus einer Gesellschaft, an der Männer mehr Einfluss haben und in der Gewaltschutz seit Jahren unterfinanziert ist.
00:07:06: In der Plätze in Frauenhäusern fehlen, in der Verfahren eingestellt werden.
00:07:11: Und er kommt aus Institutionen die ihre Täter über lange Zeiträume gedeckt haben – Kirchen, Heime, Vereine, Sportverbände….
00:07:17: Die Aufarbeitungsberichte dazu liegen vor!
00:07:22: Wer über Jahrzehnte erlebt hat, dass Schutz eingefordert werden muss und trotzdem ausbleibt entwickelten Misstrauen – das ich für berechtigt halte.
00:07:31: Das ist die eigentliche Erfahrung hinter vielen dieser Kommentare, die ich da gelesen habe.
00:07:36: Dieser Frust zeigt allerdings in eine Richtung, in der die Gefährdung tatsächlich liegt.
00:07:41: Es ist dieselbe Institutionslogik, die Täter gedeckt haben gegen die Schutzkonzepte überhaupt entwickelt werden!
00:07:48: Wenn sich der Frust gegen Transfrauen richtet, verfeht er dieses Ziel und die Strukturen, die etwas ändern müssten bleiben unbehelligt.
00:07:58: Ernst nehmen heißt also die Angst dort zu adressieren wo sie entsteht mit Personal, Mit Aufsicht, mit funktionierende Beschwerde wegen, mit Konsequenzen bei Übergriffen, mit baulichen Lösungen wie Einzelkabinen – all das kostet Geld und Aufmerksamkeit!
00:08:14: Und was dabei überhaupt nicht hilft, ist der Ausschluss einer Gruppe von der die Gefahr nachweislich empirisch nicht ausgeht.
00:08:22: Damit ist keiner einzige Frau sicherer und eine ohnehin gefährdete Gruppe wird zusätzlich exponiert.
00:08:30: Ich möchte halt auch gerne benennen wie die Argumentation funktioniert weil sie alt immer gleich abläuft wenn man so jetzt von der Kommentarspeite zu anderen Kommentarspalten schaut.
00:08:41: Am Anfang steht immer ein Gefahren-Narrativ, im englischsprachigen Raum als Predator Narrative beschrieben.
00:08:47: Eine Gruppe wird über eine unterstellte Gefährlichkeit definiert ohne dass diese belegt werden muss.
00:08:52: der Blick wandert dann halt auf die andere Seite.
00:08:55: wer widerspricht soll beweisen das nichts passiert.
00:08:58: dazu kommt dann eine Motivunterstellung Wer für Zugang argumentiert wird selbst verdächtigt gemacht.
00:09:05: Das ist praktisch weil man sich damit die inhaltliche Auseinandersetzung spart.
00:09:11: Drittens wird Uneindeutigkeit weggeräumt.
00:09:13: Intersexuelle Variationen etwa, Chromosomenkonstellation jenseits von xx und xy werden über einen kleinen Prozentsatz abgeräumten.
00:09:22: Dabei ist das doch genau der Punkt!
00:09:24: Eine Regel die nur funktioniert wenn man reale Variants für vernachlässigbar erklärt ist keine biologische Regel.
00:09:32: Wenn dann noch die Forderung fällt dass man ja auch Toleranz für die eigene Haltung erwarte... ...ist der Kreis geschlossen.
00:09:39: Toleranz gegenüber Personen ist selbstverständlich, Tolerans bedeutet aber nicht das Behandeln die ihre Patientinnen abwerten dürfen und dafür Zustimmung erwarten.
00:09:48: Und jetzt kommt es eigentlich zum Eigentlichen!
00:09:51: Eine Haltung lässt sich im Praxisalltag nicht an der Garderobe abgeben – sie zeigt sich in einer Anamnese, im Umgang mit Namen und Pronomen, in der Frage ob eine Person überhaupt erzählt, worum es ihr geht?
00:10:04: Transpersonen erleben in der Gesundheitsversorgung häufig Erfahrungen, die dazu führen dass Behandlungen abgebrochen oder gar nicht erst begonnen werden.
00:10:14: Wer öffentlich schreibt eine Gruppestelle eine Gefahr dar muss damit rechnen das Angehörige dieser Gruppe seine Praxis nicht betreten.
00:10:21: Das ist ne Frage des Zugangs zur Versorgung und die geht über die einzelne Praxis hinaus wenn sie betreffende Personen zusätzlich Fortbildung geben oder Verbandsfunktion ausüben oder was auch sonst wie machen in der Öffentlichkeit?
00:10:34: Das färbt natürlich.
00:10:37: Ganz ehrlich, wenn ich auf diese Diskussion in den sozialen Medien schaue, ich erwarte jetzt überhaupt nicht dass da Personen geächtet werden.
00:10:46: Ich erwarte eine Positionierung!
00:10:49: Ich finde das die Verantwortlichen sich positionieren, dass sie Redeantwort stehen jenseits des Framings Und daraus folgt aus meiner Sicht die Frage, wie sich zur öffentlich geäußerten Position zu einer PatientInnen-Gruppe zum Berufsethos verhalten wird.
00:11:08: Und ob es dazu eine Haltung der Person, der Personengruppe eines Vereins gibt?
00:11:17: Ich habe heute diese Folge gemacht, weil sich die Debatte in den Kommentarspalten nicht führen lässt und weil die fachlichen Grundladungen dazu einfach vorliegen.
00:11:26: Wer selbst mit TranspatientInnen arbeitet ... Und unsicher ist, findet Fortbildung zu stimmlichen Transitionen und Anlaufstellen ebenfalls in den Show-Notes.
00:11:36: Und auch bei einem wunderbaren Kollegen in der Niederdraußen damit arbeiten.
00:11:40: Und eins noch ... Seine Meinung zur Äußern im öffentlichen Raum?
00:11:45: Das ist ein wichtiges Gut!
00:11:48: Aber niemals Menschen abwerten.
00:11:50: Menschen abwerten für ihre Identität.
00:11:54: Ihnen Ihre Gesundheit und Ihre Persönlichkeitsrechte absprechen ist nicht der richtige Weg.
00:12:02: Bis nächste Woche!
Neuer Kommentar